Die kurze Antwort vorweg: Uns ist keine Statistik bekannt, nach der Tiefeinsteiger-E-Bikes gefährlicher wären als andere Räder. Belegen lässt es sich allerdings auch nicht, denn die Unfallstatistik unterscheidet nicht nach Rahmenform. Unsere Einschätzung: Der tiefe Einstieg zählt eher zu den Sicherheitsvorteilen. Was in den vergangenen Jahren tatsächlich gestiegen ist, sind die Unfallzahlen für Pedelecs insgesamt: 2024 registrierte das Statistische Bundesamt 192 tödlich verunglückte Pedelec-Fahrer, 2014 waren es noch 39. Diese Zahl sorgt verständlicherweise für Verunsicherung – sie sagt aber vor allem etwas über die stark gestiegene Zahl der E-Bikes auf deutschen Straßen aus, nicht über eine besondere Gefahr der Rahmenform oder der Technik.
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Was die Unfallstatistik wirklich zeigt
Laut Destatis waren 2024 rund zwei Drittel (63,5 %) aller tödlich verunglückten Radfahrenden 65 Jahre oder älter – bei Pedelec-Nutzern lag der Anteil sogar bei 68,8 %. Das klingt zunächst beunruhigend. Entscheidend ist jedoch der Kontext: In 67,7 % der rund 92.882 im Jahr 2024 erfassten Fahrradunfälle mit Personenschaden war ein weiterer Verkehrsteilnehmer beteiligt, in den allermeisten Fällen ein Kraftfahrzeug. Das eigentliche Risiko entsteht also überwiegend im Zusammenspiel mit dem motorisierten Verkehr – und ältere Körper verkraften einen Sturz oder Zusammenstoß im Schnitt schlechter als jüngere. Ob die Bauform eine Rolle spielt, zeigt die Statistik nicht, weil sie sie nicht erfasst.
Mythos eins: Der tiefe Rahmen ist weniger stabil
Ein hartnäckiges Vorurteil hält sich seit Jahrzehnten: ein Rahmen ohne durchgehendes Oberrohr sei zwangsläufig wackeliger oder weniger belastbar. Bei modernen E-Bikes trifft das nicht mehr zu. Tiefeinsteiger-Rahmen für Pedelecs werden gezielt für das zusätzliche Gewicht von Motor und Akku konstruiert, meist mit verstärktem Unterrohr, um die fehlende Oberrohr-Verstrebung auszugleichen. Der Akku sitzt bei den meisten Modellen tief am Rahmen oder Gepäckträger – das senkt den Schwerpunkt und bringt sogar einen spürbaren Stabilitätsgewinn beim langsamen Anfahren und im Stand. Wer mehr zu den technischen Unterschieden zwischen Rahmenformen wissen möchte, findet Details in unserem Artikel Tiefeinsteiger vs. Diamantrahmen. Der wichtigste Sicherheitsgewinn des tiefen Einstiegs liegt aber ohnehin woanders: Im Zweifel bekommen Sie beide Füße schnell und sicher auf den Boden, ohne erst um einen hohen Rahmen herum balancieren zu müssen – genau in dem Moment, in dem die meisten Stürze älterer Radfahrender tatsächlich passieren.
Mythos zwei: Der Motor macht das Fahren unberechenbar
Ein Pedelec unterstützt ausschließlich, solange Sie selbst in die Pedale treten, und die Motorunterstützung endet gesetzlich bei 25 km/h – darüber fahren Sie aus eigener Kraft weiter wie auf einem normalen Fahrrad. Eine Anschubautomatik ohne Pedaleinsatz gibt es nicht, lediglich eine Schiebehilfe bis 6 km/h an Steigungen, und moderne Mittelmotoren dosieren die Unterstützung gleichmäßig statt abrupt. Trotzdem ist die Umstellung real: Wer von einem unmotorisierten Rad kommt, unterschätzt in den ersten Wochen häufig, wie viel schneller man beschleunigt und wie sich dadurch der Bremsweg verändert. Genau diese Eingewöhnungsphase ist typischerweise die unfallträchtigste Zeit – nicht die Technik an sich.
Wo das tatsächliche Risiko liegt
Zusammengefasst zeigen die Zahlen drei reale Risikofaktoren, die mit der Rahmenform nichts zu tun haben: erstens die höhere Durchschnittsgeschwindigkeit von Pedelecs gegenüber klassischen Fahrrädern, die an Kreuzungen und beim Abbiegen kürzere Reaktionsfenster lässt; zweitens die hohe Beteiligung von Kraftfahrzeugen an Unfällen mit Radfahrenden; und drittens die altersbedingt höhere Verletzungsanfälligkeit bei einem Sturz oder Zusammenstoß. Unsere ausführlichen Tipps zum sicheren Verhalten im Straßenverkehr – von Vorfahrtsregeln bis zum richtigen Verhalten an Kreuzungen – haben wir im Artikel Sicher unterwegs: Die wichtigsten Verkehrsregeln für Pedelec-Fahrer zusammengestellt.
Was Sie selbst für mehr Sicherheit tun können
Ein paar einfache Gewohnheiten senken das Risiko spürbar. Üben Sie die ersten Fahrten mit einem neuen Pedelec auf einem ruhigen Parkplatz oder in einer verkehrsarmen Seitenstraße, bevor Sie in den normalen Verkehr fahren, und gewöhnen Sie sich bewusst an Beschleunigung und Bremsverhalten. Tragen Sie einen gut sitzenden Helm, auch wenn in Deutschland für Pedelecs bis 25 km/h keine Helmpflicht besteht. Ein Rückspiegel erleichtert die Verkehrsbeobachtung beim Abbiegen erheblich, und helle, auch tagsüber sichtbare Kleidung oder eine Warnweste erhöhen Ihre Sichtbarkeit für andere Verkehrsteilnehmer. Viele Verkehrswachten und Fahrradhändler bieten zudem Fahrsicherheitstrainings speziell für E-Bike-Einsteiger an – eine gute Gelegenheit, Brems- und Ausweichmanöver unter Anleitung zu üben. Und nicht zuletzt: Lassen Sie sich Rahmenhöhe und Sitzposition beim Kauf fachkundig einstellen, denn ein passend eingestelltes Rad lässt sich sicherer beherrschen. In unserer Kaufberatung finden Sie geprüfte Tiefeinsteiger-Modelle samt Beratung zur richtigen Einstellung.
Wo diese Einschätzung an Grenzen stößt
- Die Statistik zeigt Zusammenhänge, aber keine Ursachen. Dass viele Verunglückte älter sind, liegt auch daran, dass viele ältere Menschen fahren.
- Zur Rahmenform gibt es in den von uns genutzten Quellen keine Zahlen. Die Aussage zum tiefen Einstieg ist unsere Einschätzung.
- Wir sind keine Verkehrssicherheitsexperten. Bei gesundheitlichen Einschränkungen fragen Sie Ihren Arzt.
Unser Fazit
Wir sehen keinen Hinweis darauf, dass Tiefeinsteiger-E-Bikes unsicherer wären. Der tiefe Einstieg entschärft nach unserer Einschätzung das kritische Auf- und Absteigen. Die gestiegenen Unfallzahlen bei Pedelecs insgesamt erklären sich vor allem durch die stark gewachsene Zahl an Nutzerinnen und Nutzern sowie durch Unfälle mit motorisiertem Verkehr, nicht durch eine grundsätzliche Unsicherheit der Technik. Mit etwas Eingewöhnung, passender Ausstattung und einem gut eingestellten Rad lässt sich das tatsächliche Risiko deutlich senken.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilungen und Unfallstatistik Fahrräder/Pedelecs 2024, Stand Oktober 2026.



